Sonntag, 29. April 2018

Döbeln

Geburtstag: 981 (erstmalige urkundliche Erwähnung)
Einwohner: 23.823
Bekannt für: Pferdestraßenbahn und Riesenstiefel



„Döbeln“ mag zwar nicht der schönste Stadtname aller Zeiten sein, aber wenn man eine der ältesten Städte in Sachsen ist, kratzt einen das wahrscheinlich wenig. Die Schönheit dieser Kleinstadt erkennt man am besten von oben, denn da sieht man den Kern ihrer Anlage. Zwischen zwei Armen der Freiberger Mulde liegt die historische Innenstadt mitsamt dem Rathaus auf einer Insel. Von dort breitete sie sich auf das Umland aus. Inzwischen überspannen 19 Brücken den Fluss.

Die zwei Hauptattraktionen sind der Riesenstiefel und die Pferdestraßenbahn. Da ich noch nicht mit der Straßenbahn gefahren bin und auch das zugehörige Museum noch auf einen Besuch von mir wartet, folgt hier zunächst die Geschichte, wie Döbeln zu einem Riesenstiefel kam.
Im Jahr 1925 feierte die Schuhmacherinnung das 600. Jahr ihres Bestehens und zu diesem Anlass fertigten Döbelner Schuhmacher einen riesengroßen Stiefel aus zehn Rinderhäuten, der dann im Döbelner Rathaus zu bewundern war. Der Stiefel wurde zu einer Touristenattraktion und da Touris seit jeher kognitiv einige Einschränkungen aufweisen, wurde der Stiefel unter anderem als Mülleimer benutzt, da er oben offen war. Dazu kamen noch einige andere Verschleißerscheinungen und so beschloss man im Jahr 1957 den Stiefel nach Leisnig auf die Burg Mildenstein zu transportieren, um sie von Leisniger Schuhmachermeistern restaurieren zu lassen. Der Stiefel verblieb dort nach der Instandsetzung als Dauerleihgabe. Nach der Wende wurden Stimmen laut, die forderten der Stiefel solle zurück nach Döbeln. Leisnig war aber inzwischen auch als „Stiefelstadt“ bekannt und wollte ihn nicht mehr hergeben. Dazu kam, dass der Riesenstiefel auf Grund seines Alters nicht mehr transportfähig war. Wahrscheinlich hat das Gewicht von 200 kg und die Höhe von 3,7 m auch dazu beigetragen, den Transport ein wenig umständlich zu machen. Erwartungsgemäß ist auch dieser gesellschaftsspaltende Konflikt ein bisschen ausgeartet. Zur 950-Jahr-Feier der Stadt Leisnig im Jahr 1996 präsentierten zwei Leisniger Schuhmachermeister einen Riesenstiefel, der mit knapp 5 m Höhe größer war als der erste Stiefel und beweisen sollte, dass man in Leisnig so oder so den größeren hat. Im darauffolgenden Jahr landete er dann als weltgrößter Stulpenstiefel im Guinnessbuch der Rekorde. Nach weiterem Gezänk einigte man sich darauf, dass der erste Stiefel wieder nach Döbeln kommt, wo er heute im Sitzungssaal des Rathauses kostenfrei zu besichtigen ist. Es gibt übrigens seit 2003 einen dritten Stiefel, der vom Döbelner Brauhaus in Auftrag gegeben wurde. Er ist mit 3,9 m größer als der allererste Stiefel und wird auch „Schwarzbier-Stiefel“ genannt. 
Ich hoffe, ich habe die Geschichte einigermaßen verständlich vermittelt. Ich muss zugeben, dass ich an manchen Stellen auch ein bisschen verwirrt war. Vielleicht kann ja jemand helfen, der die Faktenlage etwas genauer kennt. Am besten wäre jemand, der weder aus Leisnig oder Döbeln kommt und dem Problemstiefel emotional fernsteht. (UPDATE: Inzwischen wurde mir mitgeteilt, dass der Schwarzbier-Stiefel, der kleinste der drei Stiefel ist. Ich habe leider keine andere Schafthöhe gefunden, als die oben angegebene. Ich denke, der Größenunterschied bezieht sich darauf, ob der Schaft heruntergekrempelt ist oder nicht. Deshalb kommen hier nochmal etwas detailliertere Daten: Die Schafthöhe des ersten Döbelner Riesenstiefels beträgt 5 m, heruntergekrempelt 3, 7 m.) 
Ich stehe dem ganzen Konflikt leider auch nicht emotionslos gegenüber, denn ich musste bei der Recherche darüber herzlich lachen. Und dann habe ich mit dem Kopf geschüttelt. Danach habe ich überlegt, ob der Streit um einen (bzw. mehrere) Riesenstiefel auch mit zu dieser ominösen „Deutschen Kultur“ gehört, über die man in letzter Zeit soviel schwadroniert. Auf jeden Fall sind solche Zänkereien sehr „deutsch“. Über den kulturellen Wert kann man sicher debattieren. Aber letztendlich freue ich mich über solche Geschichten, denn sie machen diesen Blog so viel lesenswerter.




Was gibt’s noch zu sehen? (Liste wie immer ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

Das Rathaus

Das Rathaus wurde in den Jahren 1910 bis 1912 von den Architekten Karl Otto Richter und Hugo Licht im Neorenaissancestil errichtet. Zur Eröffnung kam sogar der sächsische König Friedrich August III. Neben der Stadtverwaltung und der Touristeninformation befindet sich auch das Stadtmuseum in dem Gebäude, besser gesagt im Rathausturm. Auf diesen kann man auch heraustreten und die Stadt von oben bewundern.


Über dem Eingangsportal hängt den Schlussstein markierend die Stadtpatronin Doblina, die das Stadtwappen trägt. Die Männerfiguren rechts und links des Eingangs sollen  Klugheit und Tatkraft darstellen.

Das Stadtmuseum im Rathausturm zeigt neben wechselnden Sonderausstellungen...
(hier die Eierbechersammlung von Christiane Hasenwinkel)

... vor allem Exponate zur Geschichte der Stadt. in einer Dauerausstellung.



Der Blick vom 59 m hohen Rathausturm auf die Stadt.

Gut von oben zu erkennen: der Verlauf der Schienen für die Pferdestraßenbahn.

Der Schlegelbrunnen

Gestiftet vom Leipziger Bürger Johann Carl Gotthilf Schlegel, zeigt der Brunnen von 1912 ein taubenfütterndes Mädchen.




Stadtkirche St. Nicolai

Das heute noch bestehende gotische Kirchengebäude wurde 1333 an Stelle einer vorher abgebrannten Kirche errichtet.





Die alte Mädchenschule

Der Bau aus dem Jahr 1819/20 ersetzte das vorhergehende ehemalige Herbergshaus der Meißner Franziskaner.



Die Färberhäuser

Die Fachwerkhäuser stammen aus dem 16. Bis 18. Jahrhundert und liegen am sogenannten Oberwerder.




Der Stiefelbrunnen

Die Großplastik von Vinzenz Wanitschke wurde im Jahr 2001 feierlich eingeweiht. Die 2,3 m hohe Bronze zeigt die Fertigung des Stiefels durch mehrere Handwerker.





Das ehemalige Kino „Capitol“

Das Gebäude wurde in den 1930er Jahren errichtet.



Kirche St. Johannis

Die Saalkirche wurde in der Zeit um 1910 errichtet.



Das Postamt

Das Gebäude wurde 1895 bis 1897 im Stil der englischen Spätgotik errichtet.




Das Stadtbad

Das Stadtbad wurde im Jahr 1936 eingeweiht und in den letzten Jahren mehrfach saniert. Die Skulpturen schuf Otto Rost.





Das Amtsgericht

Das Gebäude wurde 1899 bis 1900 im Stil der Neogotik errichtet. Es wird derzeit umfangreich saniert.



Das Haus der Kreisverwaltung der Deutschen Arbeitsfront



Das Gebäude wurde in den 1930er Jahren errichtet und diente nach Zusammenbruch des Dritten Reiches als Verwaltungsgebäude für den FDGB-Vorstand und als Volksbücherei.

Leise verfallender Jugendstil in der Franz-Mehring-Straße





Die Gebäude wurden in den Jahren 1904 bis 1905 errichtet. Leider hat sie niemand lieb. Tatsächlich muss man aber sagen, dass in Döbelns Innenstadt kaum ein historisches Gebäude unsaniert ist. Das sollte hier auch einmal lobend erwähnt werden.

Ich könnte hier theoretisch jedes Haus des historischen Stadtkerns hineinsetzen, aber das soll vorerst reichen. Ich will ja auch nicht zu viel verraten. Fahrt einfach alle nach Döbeln und seht euch alles in echt an.

…. und zum Schluss

Stolpersteine
Fassadentierchen

Ok, liebe Döbelner, jetzt brauche ich wirklich eure Hilfe! Was sind das für niedliche Tierchen, die man überall in der Innenstadt findet?

Samstag, 14. April 2018

Machern

Geburtstag:
Einwohner: 4.358
Bekannt für: eine interessante Auswahl an Sehenswürdigkeiten – Bunker und Pyramide

Alles was man braucht in der Provinz

Über den Stasi-Bunker in Machern habe ich schon letztes Jahr etwas geschrieben (http://unterwegsimhinterland.blogspot.de/2017/05/museum-im-stasi-bunker-die-sonne.html). Aber man muss gar nicht unter die Erde kriechen, um in der kleinen Gemeinde nahe Leipzig etwas Außergewöhnliches zu sehen. Machern hat – nicht besonders ungewöhnlich – ein Schloss aus dem 16. Jahrhundert. Etwas außergewöhnlicher ist der 34 Hektar große Landschaftsgarten, der sich an das Gebäude anschließt und einer der ältesten seiner Art in Deutschland sein soll. Dieser wurde in den Jahren 1782 bis 1786 angelegt und orientiert sich am damals ziemlich angesagten Stil der englischen Gärten. Im Gegensatz zum vorhergehenden Barockgarten, indem alles in Form geschnitten wurde, was zu sehr nach Wildwuchs aussah, wird den Pflanzen im Landschaftsgarten die Freiheit gestattet so zu wachsen, wie sie wollen. Zumindest soll es so aussehen. Und zwischen der ganzen schönen Natur hat immer mal wieder ein antikisierender Tempel Platz oder eine künstliche Burgruine oder – doch recht außergewöhnlich - eine Pyramide. Tatsächlich muss man nicht auf den Mars fliegen und noch nicht mal nach Ägypten reisen, um eine zu sehen. Man muss einfach nur mal eine Runde spazieren gehen.
Für die Entwicklung des Schlosses und des Parks waren zwei Familien maßgeblich. Zum einen ist das die adelige Familie derer von Lindenau, die von 1430 bis 1802 die Herrschaft über Machern besaß. Ab 1536 verlegten sie ihre Hauptresidenz nach Machern, nachdem sie ihren ehemaligen Stammsitz an den Leipziger Stadtrat verkauft haben. (An alle Leipziger: Ja, ganz genau, aus Lindenau kam mal hoher sächsischer Adel. Kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Und an alle Altenburger: Ja, Bernhard von Lindenau stammt auch aus diesem Geschlecht.) Neben der Anlegung des Landschaftsgartens ließ die Familie von Lindenau im 18. Jahrhundert auch großzügige Umbauten am Schloss vornehmen. So wurde aus dem Renaissanceschloss von 1566 ein Barockbau, wie er noch heute zu bewundern ist. Der maßgebliche Initiator beim Gartenbau, Carl Heinrich August von Lindenau, starb 1842 kinderlos und somit erlosch die machernsche Linie derer von Lindenau. Schon im Jahr 1802 verkaufte er seinen Gutsbesitz in Machern, um sich in der Nähe von Potsdam niederzulassen, da er in preußischen Diensten stand. Die zweite Familie, die Machern über einen längeren Zeitraum besaß, kam ebenso aus Leipzig. Im Jahr 1806 erwarb der Kaufmann Gottfried Wilhelm Dietrich Schnetger das machernsche Gut. Die Familie Schnetger hatte es bis zur Enteignung 1945 in ihrem Besitz und kümmerte sich währenddessen um den Erhalt des Landschaftsgartens. Die Familie nahm keine größeren Umbauten an dem Areal vor. Der einzige Neubau war der Agnestempel.
Im Zuge der Bodenreform wurden das Schloss und der Park sogenanntes Volkseigentum und kamen an die Gemeinde Machern. Das Schloss sollte in ein sozialistisches Kulturhaus umgewandelt werden und im Zuge dessen wurde 1948 die Schlossturmspitze abgerissen. (Ich möchte gerne aufgeklärt werden, warum ausgerechnet dieser Schlossturm unsozialistisch war.) Zur geplanten Umwandelung kam es nicht, denn aus Platznot zog in die erste Etage des Schlosses die Macherner Laienspielgruppe ein. Diese dauernde Nutzung hat das Schloss davor bewahrt, leise vor sich hinzugammeln, wie so viele andere Schlösser. Gegen Ende der 1970er Jahre fanden schon erste Renovierungsarbeiten statt, die 1981 von einem Feuer im Hinterflügel wieder zunichte gemacht wurden. Dennoch wurden die Arbeiten bis 1992 fortgesetzt. Schon im Jahr 1988 wurde die Schlossturmspitze wiederaufgesetzt. Für den Erhalt des öffentlich zugänglichen Parks sorgt inzwischen die Gemeinde und ein Förderverein.



Das Wappen der Familie von Lindenau über dem Schlosseingang. Es zeigt eine entwurzelte Linde.

Der Hygieia-Tempel wurde 1797 erbaut.
Er ist der griechischen Göttin der Gesundheit gewidmet und wurde 1987 restauriert.


Der Blick über den Schwemmteich hinüber zum Agnestempel, der um 1806 gebaut wurde. Er wurde wahrscheinlich nach Agnes Schnetger benannt.
Die künstliche Ruine einer Ritterburg wurde um 1795/96 nach Entwürfen des Architekten Ephraim Wolfgang Glasewalds gebaut. Man kann das Gebäude nur durch den vorgelagerten Eingang (rechts im Bild) erreichen. Der daran anschließende Gang ist 36 m lang.

Sie markiert den höchsten Punkt der gesamten Anlage.
Der Turm ist 26 m hoch. Wahrscheinlich wurde das Gebäude auch für Initiationsriten eines Geheimbundes genutzt. (Galileo ist an dem Fall dran.)


Und da ist sie!

Die Pyramide wurde 1792 als Mausoleum gebaut, aber nie dafür benutzt. Die Fassade besteht aus Rochlitzer Porphyrtuff.

Wahrscheinlich wurde sie auch von einem gewissen Super-Geheimbund für super-geheimnisvolle Riten benutzt. Aber vielleicht auch nicht.

Von der Pyramide aus blickt man auf die Statue einer Vestalin. Die Wege um die Anlage herum sollen an die Form eines Skarabäus erinnern.

Im Frühling sieht man noch etwas mehr von der Pyramide.
Das Monument für die Mutter des Grafen von 1784.