Freitag, 22. September 2017

Knappenrode

Einwohner: 705
Geburtstag: 1913 (nein, ich habe die Zahl der Einwohner nicht mit dem Gründungsdatum verwechselt)
Bekannt für: einen Haufen Braunkohle und einen See

Werminghoff war bis 1921 nur eine Arbeiterkolonie und erst ab jenem Jahr erlangte es den Status einer Gemeinde. Im Jahr 1950 wurde die Gemeinde in Knappenrode umbenannt, da ein Ort der nach einem pösen kapitalistischen Großindustriellen benannt war, nicht in den Sozialismus passte
Genauso drängend wie die Frage der Nutzung von alten Schlössern ist die Frage der Nutzung von alten Industriestandorten.  Abreißen oder zum Museum umgestalten? Nur weil ich gerne in Museen gehe, heißt das nicht automatisch, dass ich immer dafür bin aus jedem alten Gemäuer ein Museum zu machen, oder es in irgendeiner anderen Form zu erhalten. Das klingt jetzt natürlich sehr hart und einige werden sich fragen, wie ein kulturaffiner Mensch so etwas sagen/schreiben kann.
Ich sehe es einfach so, dass man nicht alles erhalten kann, nur weil es alt ist. Es kommt immer darauf an, in welchem Zustand sich die Gebäude bzw. Anlagen befinden und ob ein öffentliches Interesse daran besteht, diese zu erhalten. Wenn dem so ist, finde ich das natürlich toll, aber wenn es nicht so ist, kann ich, wenn auch oft zähneknirschend, damit leben. Denn das was zur Erhaltung historischer Stätten nötig ist, ist oft nicht in dem Maße vorhanden, in dem es nötig wäre. Gemeint ist natürlich Geld. Was sonst? Ein Rohstoff, der in der Kulturbranche sehr oft sehr knapp ist.
Wer aber über ein paar Einheiten des besagten Rohstoffes verfügt, kann ihn zum Beispiel in einen Besuch der Energiefabrik Knappenrode investieren, um etwas über einen anderen Rohstoff zu lernen. Gemeint ist die Braunkohle, deren Abbau die Lausitz landschaftlich geprägt hat und es immer noch tut.
Die Energiefabrik nutzt das Areal der ehemaligen Brikettfabrik, welches sich über 25 ha erstreckt. Die Anlage ist also definitiv nichts für Fußlahme. Für alle, die von einem Museumsbesuch mehr wollen, als das bloße Ablaufen von Objekten, ist hier richtig. Ehe ich jetzt hier alles aufzähle, was es zu entdecken gibt und am Ende doch noch etwas vergesse, folgen hier nur meine Highlights.
Es gibt einen Schaustollen den man durchlaufen und sich wie ein richtiger Bergarbeiter fühlen kann. Man bekommt einen guten Eindruck davon, wie es ist den ganzen Tag kaum Sonnenlicht zu sehen. Wenn man über 1, 60 m groß ist, ist auch die Stollenhöhe nicht gerade optimal für eine gesunde Körperhaltung. Die erwartete Kontaktaufnahme meiner Stirn mit den Stützbalken blieb glücklicherweise aus. Und falls sie doch eingetreten wäre, hätte mich der an der Kasse ausgegebene Schutzhelm hoffentlich vor Beulen bewahrt. Den Schutzhelm benötigt man auch beim sogenannten FabrikErlebnisRundgang. Auf sieben Etagen erfährt man, welche industriellen Schritte notwendig sind, damit aus der abgebauten Braunkohle ein Brikett wird. Neben den immer noch funktionstüchtigen Maschinen stehen Hörstationen mit Zeitzeugenberichten der ehemaligen Arbeiter. Die authentische Zeitreise wird abgerundet durch den Fabrikgeruch, welcher immer noch in der Luft hängt und wohl nie verschwinden wird.
Sehr niedlich ist auch die Ausstellung „Heiß geliebt“, in der Sachsens größte Öfen- und Feuerstättensammlung präsentiert wird. Es handelt sich dabei um eine Privatsammlung eines ehemaligen Schornsteinfegermeisters, die ca. 700 Objekte umfasst, von denen 120 ausgestellt werden. Es gibt wahrscheinlich nichts, was man nicht sammeln kann. Darin sind Deutsche ja irgendwie Meister, habe ich mal gehört. Nichtsdestotrotz ist die Sammlung wirklich sehr schön und Kamin und Ofen sind als Heizgeräte gerade wieder en vogue. Wer also noch stilistische Anregungen braucht, kann da ruhig mal hineinschauen.
Die vielen Räume und Häuser der Anlage werden noch für andere Ausstellungen genutzt und bieten auch der Kunst ihren Raum.
Es wird sich aber auch mit der Geschichte der Region beschäftigt, kurz bevor hier Kohle abgebaut werden konnte. Von 1928 bis 1983 wurden acht Ortschaften umgesiedelt und abgerissen, um u. a. die Tagebaue Werminghoff I und II zu eröffnen. Es waren zum großen Teil Bauern, die dann später in den Gruben arbeiteten. Gerade die Thematik der umgesiedelten Ortschaften aus wirtschaftlichen Gründen lässt die Problematik des Heimatbegriffs mal wieder aufleuchten. Wie muss das sein, wenn einem die Existenzgrundlage entzogen wird oder die Abrissbirne durch das Haus schwingt, in dem man sein Leben lang gewohnt hat? Ist es die Zerstörung einer ganzen Kulturlandschaft und von Flora und Fauna wert, wenn dadurch im Gegenzug viele neue Jobs entstehen und die Region einen wirtschaftlichen und technischen Aufschwung erfährt? Über diese und viele andere Fragen kann man sich gerne mal den Kopf zerbrechen, wenn man an einem der vielen gefluteten Restlöcher sitzt, die inzwischen zum Lausitzer Seenland gehören.

In diesem Sinne, Glück auf.




Historischer Abriss

01. Januar 1887
Gründung der Eintracht Braunkohlenwerke und Brikettfabriken AG durch Joseph Werminghoff in Berlin
1913/14
Gründung der Arbeitersiedlung Werminghoff mit Grube, Brikettfabrik und Bahnhof; eingeleitete Maßnahmen zum Aufschluss des Tagebaus durch 1. WK unterbrochen
August 1917
Förderung der ersten Rohkohle aus Werminghoff I
1938
Förderung der ersten Rohkohle aus Werminghoff II
März 1945
Werminghoff I ausgekohlt
1951 - 1953
gezielte Flutung von Werminghoff I führte zu Entstehung des Knappensees
1950
Umbenennung der Ortschaft in Knappenrode
25. Januar 1993
Stilllegung der Brikettfabrik
18. Juni 1994
Eröffnung der Energiefabrik Knappenrode

Die Energiefabrik gehört zum Zweckverband Sächsisches Industriemuseum und ist Teil der Europäischen Route der Industriekultur.

Die Heilige Barbara ist heute zumeist als Schutzpatronin der Bergleute bekannt. Ihr Gedenktag ist der 4. Dezember.

Die Schaufelradbagger am Rand des ehemaligen Tagebaus Werminghoff I

Ein Blick in den Schaustollen



Förderturm

Die ehemalige Brikettfabrik

Die Ofen- und Feuerstättenausstellung "Heiß geliebt"

Kohleherd, um 1910
Hersteller: Küppersbusch, Gelsenkirchen/Nordrhein-Westfalen
Material: Eisen - gegossen, Eisenblech - emailliert
Brennstoff: Kohle, Holz

Kombinierter Gas-Kohle-Herd, um 1910
Hersteller: unbekannt
Material: Eisen - gegossen, Eisenblech - emailliert
Brennstoff: Gas und Kohle
Notofen, um 1945
Hersteller: Eigenbau
Material: Eisen - gegossen, geschwärzt
Brennstoff: Holz und Kohle


Was bleibt? - Ausstellung über die devastierten Ortschaften...

... im ehemaligen Turbinensaal


Jazorina. Die Lausitz im Wandel...

... eine Fotoausstellung von Freya Najade

Der FabrikErlebnisRundgang

Die Doppel-Schwingsiebe klassifizierten das feuchte Kohlegut: Stücke unter sieben Millimetern fielen durch die Sieböffnungen und gelangten über die Förderbänder auf den Feinkohleboden. Die groben Stücke gelangten vom Überlauf in die darunter liegenden Hammermühlen.

Im Ofenhaus herrschte ein Lärmpegel von 90 bis 94 Dezibel, was in etwa dem Lärm eines Presslufthammers entspricht.

Die Temperatur auf der Arbeitsebene lag ungefähr bei 50° Celsius, direkt an den Trockenöfen bei 70° Celsius.


Etwa ein Kilogramm Rohfeinkohle wurde benötigt, um daraus ein pfundschweres Brikett zu pressen.

Die Waschkaue bietet einer weiteren Fotoausstellung Platz:

Die Zukunft der Arbeit von Olaf  Martens


Neben der Fotoausstellung findet man in diesen Räumen auch die Dauerausstellung "Schätze der Erde - Minerale der Lausitz".

Donnerstag, 31. August 2017

Großbothen

Einwohner: 3.396
Geburtstag: 1291 (urkundliche Ersterwähnung)
Bekannt für: …

In Großbothen weiß man, wie man Feste feiert, auch wenn sie gar nicht richtig fallen.


Wenn man nicht die Sehenswürdigkeit findet, zu der man eigentlich wollte, sollte man nicht gleich frustriert die Heimreise antreten, sondern einfach solange weiterfahren, bis sich etwas anderes findet. Dann kann es nämlich passieren, dass man eine kleine Museumsperle findet, wie zum Beispiel den Wilhelm Ostwald Park.
Jetzt werden sich hoffentlich viele (unter anderem ich selbst) fragen, wer Wilhelm Ostwald ist? Und das ist ganz traurig, weil vermutlich jeder von uns schon einmal in irgendeiner Form Kontakt hatte mit einer seiner Arbeiten. Und einen Nobelpreis hat er auch bekommen. Leider macht naturwissenschaftlicher Ruhm nicht so sexy, wie beispielsweise ein Oscargewinn. Deshalb folgen hier einige Eckdaten zur Person.

Wilhelm Ostwald

1853
Geburt in Riga
1864-1871
Besuch des Realgymnasiums in Riga
1872-1875
Chemiestudium an der Universität Dorpat
1879
Dissertation zum Thema „Volumchemische und optisch-chemische Studien
ab 1880
Privatdozent für physikalische Chemie an der Universität Dorpat
Heirat mit Helene von Reyher; fünf Kinder
1882-1887
Professor für Chemie und Ordinarius am Polytechnikum Riga
1887-1905
Inhaber des Lehrstuhls für physikalische Chemie an der Universität Leipzig
1905-1906
Vorlesungen in Harvard, an der Columbia und dem MIT
1906
Emeritierung und Verlegung des Hauptwohnsitzes nach Großbothen
1909
Erhalt des Nobelpreises für Chemie für seine Forschungen zur Katalyse, chemischen Gewichtsverhältnissen und Reaktionsgeschwindigkeiten
1913
Gründung des Verlags UNESMA
1926/27
Veröffentlichung der Autobiographie „Lebenslinien“
1932
Tod in Leipzig

Das Hausmeisterhaus

Blick in den 7 ha großen Park

1901 erwarb Ostwald das Haus für den Sommeraufenthalt seiner Familie.

Nach dem Umbau des Hauses und der Emeritierung Ostwalds wurde Großbothen ab 1906 fester Wohnsitz der Familie und das Haus erhielt den Namen Energie.

Wilhelm Ostwald war ziemlich umfassend interessiert und man kann ihn wohl als Universalgelehrten bezeichnen. Neben der physikalischen Chemie widmete er sich auch der Farbenlehre und der Naturphilosophie. Er musizierte und malte gern zur Entspannung und brachte mit seinem Kollegen Jacobus Henricus van’t Hoff die Zeitschrift für physikalische Chemie sowie etliche Lehrbücher heraus. Getreu dem Motto „Vergeude keine Energie – verwerte sie!“ forschte er auf den Gebieten Gewinnung von Sonnenenergie und Windkraft. Ich habe bestimmt noch viele Themenbereiche vergessen, mit denen er sich beschäftigte. Wilhelm Ostwald ist ein sehr beeindruckender Mensch und seine Lebensleistungen sind für einen Nicht-Naturwissenschaftler wahrscheinlich kaum zu erfassen. Trotzdem habe ich wieder etwas gelernt und bin sehr neidisch auf seine Bibliothek(en).

Sein schriftstellerisches Schaffen umfasst 6.000 Rezensionen und Referate, , über 1.000 Aufsätze, Artikel und Reden und 45 Lehrbücher und Monographien.
Im Frühjahr 1911 gründete Wilhelm Ostwald zusammen mit Karl Wilhelm Bührer und Adolf Saager "Die Brücke - Internationales Institut zur Organisierung der geistigen Arbeit". Unter den Mitgliedern waren unter anderem William Mitchell Ramsay, Rudolf Diesel, Marie Curie und Wilhelm Exner..

Die Bibliothek ist in zwei Räumen untergebracht und umfasst 24.000 Titel, die Ostwald alle selbst angeschafft hat.


Der Doppelkegel
Seit 1912 beschäftigte sich Ostwald mit der Farbenormierung und erarbeitete eine eigene Farbordnung. Der Doppelkegel besteht aus 24 jeweils farbtongleichen Dreiecken, auf denen sich jeweils außen die Vollfarbe befindet.



Der schöne Fußboden im Haus Energie

Das Haus "Glück auf" wurde 1914 erbaut und vom mittleren Sohn Walter und seiner Familie bewohnt.

Das Haus "Werk" wurde 1916 gebaut und diente der Farbforschung und der Herstellung von Anschauungs- und Schulungsmaterial.

Das Haus "Waldlust" wurde um 1912 errichtet und war das Wohnhaus des ältesten Sohnes Wolfgang.


Seine letzt Ruhestätte fand Wilhelm Ostwald im Steinbruch.

Die Streuobstwiese

Die Windturbine zur autonomen Trinkwasserversorgung der Häuser des Landsitzes "Energie" wurde 2003 anlässlich des 150 Geburtstages von Wilhelm Ostwald aufgestellt.

Der Göpel
Er wurde seit 1906 von zwei Eseln angetrieben und sicherte die Trinkwasserversorgung.

In Großbothen gibt es sonst nichts weiter Aufregendes zu entdecken. (Vielleicht hätte ich lieber mal nach Kleinbothen fahren sollen.) Mittwochs nach eins ist da echt nicht viel los. Trotzdem habe ich wie immer die schönsten Häuser fotografiert, die ich finden konnte.





Ja, das war jetzt gemein. Obwohl es wirklich schöne Häuser wären, wenn sie doch jemand retten würde. Im Anschluss folgen noch paar mehr oder weniger gelungene Exemplare. (Etwas weniger gelungen war auch das Auto mit der hübschen 88 und den Dynamo-Stickern. Aber das darf man ja heutzutage in Sachsen nicht mehr laut sagen, sonst gilt man gleich als links und Karl Marx persönlich aus dem Unterleib gekrochen.) 

So, hier bitte, hübsches Fachwerk.


Die Dorfkirche Großbothen

Reste der Vorgängerbauten weisen auf einen romanischen Ursprung hin. Später wurde sie im gotischen Stil umgebaut.

Und noch mehr hübsches Fachwerk.


Das ehemalige Haus der Freiwilligen Feuerwehr
Da passen nicht allzu viele Bierkästen hinein.

Ich frage mich, ob das noch benutzt wird.


Eins meiner Lieblings-DDR-Zaun-Designs...
.... gleich zweimal gefunden (ganz ohne Ironie, ich finde die hübsch) 
Und leise plätschert der Schaddelbach...
Und noch eine schöne Ruine zum Abschluss.

In diesem Haus wohnte und starb Wilhelm Wundt, der Begründer der Psychologie als eigenständiger Wissenschaft.

Und wer hat's gewusst? Mal wieder niemand.